Wenn die Stille zur Fülle wird

Quelle: Schaffhauser Nachrichten - 29.03.2011 - Rita Wolfensberger
Erscheinungsdatum: Dienstag, 29. März 2011 - 20:28

Konzert Camerata Variabile in der Klosterkirche Paradies

Die Camerata Variabile Basel hat ihren Auftritt unter den aussergewöhnlichen Titel «Haiku – Jenseits der Sprache – Japan» gesetzt und damit ein Hörerlebnis angeboten, das völlig über die übliche Konzerterfahrung hinausführte. Denn: Haiku ist eine aus Japan stammende lyrische Kurzform, die nur aus drei Verszeilen besteht und gleichzeitig poetischen, philosophischen und rhythmischen Inhalts ist. Wie japanische, vor allem aber auch westliche Komponisten solche Texte vertont, wie Dichter eigene Kurzpoeme nach japanischem Muster nachgebildet haben, das führten die Gäste in der Kirche Paradies auf packende Weise vor.

Dabei kam es vor allem zur Erfahrung des Japaners Toru Takemitsu, der «Wahrnehmung von Stille als Fülle und nicht als Vakuum», die auch die unsrige wurde; denn kurze Musik und Generalpausen ermöglichten immer wieder ein innerliches Verarbeiten des eben Gehörten, und die Komponisten wie die Interpreten gestalteten dieses Doppelspiel auf meisterhafte Weise. Die grosse Anzahl von Einzelnummern und -stücken kann hier natürlich nicht aufgelistet werden. Das Wesentliche sei aber erwähnt: Als einziger Beitrag eines Japaners erklang der überaus suggestive Dreiteiler «Towards the sea» von Takemitsu für Altflöte und Gitarre, von Isabelle Schnöller mit aller Akkuratesse geblasen und von Stephan Schmidt aufs Feinste sekundiert. Von Schweizer Tonschöpfern lernte man zwei markante Werke kennen: Hansheinz Schneeberger hat noch in diesem Jahr 2011 zwei Haikus ohne Text auf dieselben beiden Instrumente übertragen und deren Stimmungen zu starkem Ausdruck gebracht, was die beiden Interpreten gleichwertig zu gestalten wussten. Und Helena Winkelman erwies sich erneut nicht nur als hochbegabte Tonschöpferin, sondern auch als geradezu kongeniale Gestalterin japanischer Poesie mit der Vertonung von fünf Haikus, die nun erstmals gesungen wurden, nämlich durch den Bariton Kurt Widmer, der seine noble Stimme auf fabelhafte Weise zu nuancieren und unterschiedlich zu timbrieren versteht. Hierbei haben auch das Streichtrio Helena Winkelman (Violine), Chaim Steller (Viola), Tobias Moster (Cello) sowie der Gitarrist tragende Instrumentalfunktionen wahrgenommen, wie denn überhaupt auf höchst geschickte Weise auf Abwechslung in den aufeinanderfolgenden Programmnummern geachtet worden war. So war als Konzerteingang bereits ein Streichtriofragment von Schubert erklungen, dem auch als Rahmen das entsprechende «Lento e patetico» für Quartettformation vorbehalten wurde, und zwischendrin hatten Widmer und Schmidt noch mit bewegender Sensibilität dessen «Meeresstille» interpretiert, deren Geistesnähe zum Haiku unverkennbar ist. Den gewichtigen Schluss des Abends bildete György Kurtágs Werk «Pas à pas – nulle part» auf Kurztexte von Samuel Beckett / Seb. Chamfort für Bariton, Streichtrio und Perkussion, das gewissermassen die Zusammenfassung alles Erlebten darstellte, wobei der Schlagzeuger solistische Funktionen an einer Fülle von Instrumenten auf atemraubende Weise zusätzlich wahrnahm. Tief beeindruckt spendete ein beachtlich zahlreiches Publikum allen Interpreten ergriffenen Beifall.
Rita Wolfensberger