Zweistündige Tromboniade der Extraklasse: Sergio Zordan, Stanley Clark, Bill Thomas und Justin Clark (v. l. n. r.)Bild Selwyn Hoffmann
«Trombones in Concert» nennt sich eine Instrumentalformation der eher ungewohnten Art, die den Reigen der sehr hörenswerten Konzerte in der Klosterkirche Paradies in der Altjahreswoche fortsetzte.
Die Posaune ist ja nun nicht gerade das «sexiest» Instrument, das es gibt. In Bläserformationen dröhnt sie kraftstrotzend – und filigrane Holzbläser gemein übertönend – billige Fanfaren in die Luft, im Orchestergraben zertrümmert sie in lauten Passagen den Mitmusikern schier das Trommelfell, und wenn in einem Film ein tollpatschiger Elefant über die Leinwand tapst, trötet dazu bestimmt eine Posaune. Die Posaune ist der ungehobelte, machohafte Grobian in der Blasinstrumentenfamilie. Selbst im Jazz – virtuos bedient – geht sie einem mit ihrem nasalen Klang auf die Dauer gründlich auf die Nerven. Allenfalls ist sie für eine humoristische Einlage geeignet, wenn sie im langsamen Glissando einen fallenden Ton seufzt.
Um all diese Vorurteile einer gründlichen Revision zu unterziehen, treten jedoch am Mittwochabend in der herrlichen Klosterkirche Paradies in Schlatt vier Herren an: Vier Musiker, von denen man wahrlich behaupten kann, sie gehörten zu den Besten ihres Faches in der ganzen Schweiz. Denn ihr Brot verdienen die Herren allesamt als Soloposaunisten in drei der besten professionellen Sinfonieorchester unseres Landes: Der in Schaffhausen lebende Sergio Zordan ist Soloposaunist im Orchester des Opernhauses Zürich, Bill Thomas ist Mitglied im Blechregister des Tonhalle-Orchesters, Stanley Clark ist ebenfalls Soloposaunist, aber dies im Berner Sinfonieorchester, wo auch Justin Clark arbeitet, und zwar als Bassposaunist. Dieses bernerisch-zürcherische Gipfeltreffen nennt sich schlicht «Trombones in Concert» und erweist sich als zweistündige Tromboniade der Extraklasse.
Lupenreine, strahlende Vierklänge
Denn wenn sich derart ausgewiesene Virtuosen auf ihrem Instrument empfehlen, dann öffnet sich dem Zuhörer ein ganz neuer Zugang zu jenem Blasinstrument. Und es wird schnell klar, dass die Posaune vielmehr ein äusserst vielseitiges Instrument ist und auch zu wunderbar leisen, warmen Tönen fähig ist. Schon in Werken von Praetorius, Gabrieli, Telemann und Palestrina in der ersten, der Musik der Renaissance und des Barocks gewidmeten – und ausschliesslich auf den kleineren, wärmer klingenden Renaissance-Posaunen gespielten – Konzerthälfte überzeugen die differenzierte Klangkultur und die grosse Kunst des Ensemblespiels. Dynamisch gut austariert loten die Musiker auch die räumlichen Klangverhältnisse im Kirchenschiff aus. Nicht zuletzt trägt der Umstand, dass die Posaune grosso modo den Umfang einer männlichen Stimme hat, dazu bei, dass sich etwa in Giovanni Gabrielis streng gearbeiteter «Sonata» die hypnotische Wirkung eines sehr rein und warm singenden Männerchors entfaltet. Und ja, es ist halt doch ein grossartiges Hörvergnügen, wenn die vier Posaunisten einen lupenreinen, strahlenden Vierklang als Fanfarenschwade in die Kirchenluft entlassen und dieser weit oben verhallt.
Brass-Saft und strotzende Kraft
Nachdem in der Pause der gastgebende Verein der Freunde der Klosterkirche Paradies die sehr zahlreich erschienenen Konzertbesucher zum Umtrunk mit Glühwein und einem Stück Christstollen geladen hatte, durfte man gespannt sein auf die moderneren Werke der zweiten Konzerthälfte, die dann auch auf modernen Posaunen gespielt wurden. Der klangliche Unterschied ist eklatant! Viel voluminöser der Klang, mächtiger auch. Was wiederum seinen eigenen Reiz hat – man versteht durchaus, welchen Reiz die Posaune auf die grossen Orchesterkomponisten ausgeübt hat: Sie verleiht jeder Bläsersektion im Orchestertutti zu richtigem Saft und strotzender Kraft. Aber in den von Zordan, Thomas und den Clarks gewählten Werken von Bruckner, Verdi, Gershwin und anderen standen natürlich auch das virtuose Zusammenspiel und die vielen Klangfarben im Vordergrund, die aus dem Instrument herausgeholt werden können. Hier zeigten sich die Posaunisten auch von ihrer artistischen und locker-verspielten Seite, etwa indem sie in der wunderbaren Suite «Gershwin – a portrait» und in einigen jazzigen Zugaben aus dem Vollen schöpften: Da gab es all die Effekte mit Dämpfer zu hören, all die Glissandi mittels extensiver Betätigung des Zuges, die derben «Furz»-Töne und rasenden Sololäufe. Ein riesiger Spass zugunsten des Publikums, aber auch den Herren Posaunisten war anzusehen, dass sie es sehr genossen, für einmal ganz als virtuose Instrumentalisten wahrgenommen zu werden und nicht nur als Lieferanten dicker Brasstöne in ohrenbetäubenden Klangwogen eines Riesenorchesters.