Spannungsreiche klingende Bilder
Konzert
Die Begegnung mit Rudolf Lutz (*1951) am Sonntagabend in der Klosterkirche Paradies war ein besonderes Erlebnis. Der Organist, Komponist, Musikpädagoge und bekannte Musikimprovisator erzeugte in seinem Konzert viel Bewunderung. Lutz, der unter anderem Professor für Improvisation an der Schola Cantorum Basiliensis ist, hat durch seine lebhafte Vortrags- und Konzerttätigkeit Wesentliches zum Verständnis der historischen Improvisationskunst und Stilkunde beigetragen.
Aber er ist auch ein ausgesprochenes Kommunikationstalent, wie die Veranstaltung in der Klosterkirche bewies. Lutz verstand es, das Publikum sehr persönlich anzusprechen und die Improvisationen so zu vermitteln, dass sie schon durch die verbale Einführung Konturen bekamen. Auch bezog er spontan Leute aus dem Publikum in das Konzert mit ein. So liess er zum Beispiel einen etwa Elfjährigen auf einer Kuckucksflöte mitspielen oder einen jugendlichen Klavierschüler seine bemerkenswerten romantischen Improvisationen auf dem Cembalo spielen.
Ein Ort der Erkenntnis
Den beziehungsträchtigen Namen Paradies nahm Lutz als geistigen und literarischen Hintergrund für den ersten Teil seines Konzertes. «Das Paradies», so sagte er, «ist in unserer Vorstellung auch der Ort der Erkenntnis.» Hier wählte Lutz einen Zuhörer aus dem Publikum, der verschiedene Verse aus der biblischen Genesis vortrug, zu denen er am Cembalo – einem sehr klangschönen Instrument, gebaut von Markus Krebs – farb- und formenreich improvisierte. Wie stellt man die Schönheit des Gartens Eden dar? Oder die List der Schlange, die Eva dazu verführte, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen? Und wie die Scham Adams und Evas, als sie merkten, dass sie nackt waren? Der Künstler liess Bilder aus Tönen erstehen, und man folgte mit Bewunderung seinen spannungsreichen klingenden Illustrationen und Dialogen. Allgemein gesprochen, gründet die musikalische Improvisation im menschlichen Spieltrieb, wobei sich die oder der Spielende technischer und formaler Mittel bedient. Entsprechend dieser Voraussetzungen kommt es dabei zu einem mehr oder weniger anspruchsvollen Musizieren. Bei Rudolf Lutz kam es zu ausgefeilten Formen der freien und gebundenen Improvisation, in der Überraschungen sich paarten mit spürbar Durchdachtem. So folgte man neben mehr gefühlsmässigen Reflexen seinem planmässig aufgebauten Spiel. Was sich für den Musiker im Garten Eden abspielte, war jedenfalls kreatives Spiel im wahrsten Sinne des Wortes. Im mittleren Teil des Konzertes spielte Lutz auf der fein intonierten Paradies-Orgel verschiedene Improvisationen, unter anderem über das Lied «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» von Paul Gerhardt. Zum Schluss widmete sich Lutz dem bekannten «Happy Birthday to You», das er zum 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach in reich fugierter Manier vortrug.
Monica Zahner