Frei, ohne Vorgabe, aus der eigenen Fantasie heraus spontan Musik machen: Das ist eine Kunst, die nur von wenigen aller Konzertisten geübt und beherrscht wird.
Wie kommt es also, dass nur noch wenige ausübende Musiker – im Bereich der E-Musik! – improvisieren und es auch können? Unbeantwortete Frage. Vielleicht deshalb, weil inzwischen die Kompositionen derart kompliziert und schwierig auszuführen sind, dass das nur noch mit viel Üben geht und manche darob die Motivation zum eigenen Improvisieren nicht mehr aufbringen.
Wenige Ausnahmebegabungen haben die Kunst jedoch am Leben erhalten. Zu ihnen gehört Galina Vracheva, die sie auf allerhöchstem Niveau pflegt und in der Klosterkirche Paradies ein imponierendes Zeugnis dessen abgelegt hat. Sie hat dafür – im Liszt-Jahr – diesen grossen Erfinder von Musik zum Thema genommen, von dem sie zuerst einige seiner Paraphrasen über fremde Erzeugnisse (eine Art aufgeschriebene Improvisation) – «Wohin?» von Schubert, B-A-C-H-Präludium, eine eigene Tarantella und die «Rigoletto»-Paraphrase – vortrug und damit die technische Bravour der grossen Konzertpianistin bereits manifestierte. Im zweiten Programmteil präsentierte sie dann eigene Improvisationen. Zuerst stellte sie ein jüngst entdecktes Préludio von Liszt vor und fantasierte darüber, dann aber ging sie aufs Ganze: Aus dem Publikum wurden ihr Themen zugespielt – etwa «Die Forelle», «Gaudeamus igitur» und andere –, die sie jeweils unverändert vorspielte und dann aber aus einer unglaublichen Fülle innerer Vorstellungen mit Varianten versah und darüber improvisierte. Nun kamen alle ihre speziellen Spielqualitäten zur Geltung, die sie allerdings weitgehend bei Liszt abgeguckt hat: Unersättliche Verzierungen, Oktavenwucht, Laufwerk auf- und vor allem abwärts die halbe Klaviatur entlang, rhythmische Einfälle und am Schluss gar noch ein beachtliches polyphones Können: Mag sein, dass bei dem allem die Virtuosität ein bisschen allzu vorherrschend wurde; aber just diese Fertigkeiten imponierten ungemein und kamen beim Publikum aufs Erfreulichste an.
Rita Wolfensberger