Klangfülle und schlichte Klarheit

Quelle: Schaffhauser Nachrichten - 23.11.2011 Monica Zahner
Erscheinungsdatum: Dienstag, 29. November 2011 - 18:27

Das Männerquartett «Chant 1450» mit Javier Robledano Cabrera (Countertenor), Daniel Manhart und Juan Díaz de Corcuera (Tenor) sowie Ismael Gonzáles Arróniz (Bass) sang A-cappella-Werke von Cristóbal de Morales, Juan de Anchieta, Francisco de la Torre und Gregorianische Choräle. So stand am Sonntagabend spanische Musik aus dem 15. und 16. Jahrhundert in der Klosterkirche Paradies im Mittelpunkt. Die geistliche Musik der Renaissance ist noch stark geprägt vom Gregorianischen Choral. Sie ist ein bedeutender kultureller Schatz, von dem die europäische Musikgeschichte lange gezehrt hat und heute noch – oder wieder – starke Einflüsse erlebt. Die Werke, die zur Aufführung kamen – neben einem Requiem von Cristóbal de Morales ein Responsorium von Francisco de la Torre sowie die Motette «Versa est luctum» von Francisco de Peñalosa –, zeigten, wie klang- und spannungsreich diese Musik sein kann.

Es war ein neues Programm der Chant-Sänger, das im «Paradies» zum ersten Mal öffentlich aufgeführt wurde Man hörte ein originäres Requiem, die «Missa pro defunctis», eine Totenmesse, die noch ganz vom Gregorianischen Choral lebt. Viele Teile der Messe, Partien des Ordinariums, sind einstimmig, vom Ensemble oder von einem einzelnen Sänger mit sonorem Klang vorgetragen. Die mehrstimmigen Passagen waren von reiner Klangfülle und von schlicht überwältigender Klarheit. Morales hat die Ein- und Mehrstimmigkeit mit grosser dramaturgischer Wirkung eingesetzt und auf diese Weise ein bezwingendes Kunstwerk geschaffen. Es ist eine Eigenschaft der spanischen Schule von damals, dass sie die Einfachheit der Form pflegte, die der musikalisch-textgebundenen Ausdruckskraft dient. Morales war ein Zeitgenosse Palestrinas und bedeutender Vertreter des A-cappella-Stils; er war päpstlicher Kapellsänger in Rom, bevor er wieder nach Spanien zurückkehrte; was Sänger zu leisten vermögen, wie sie, bei günstiger Disposition der Stimme und entsprechender Schulung, auch schwierigste Partien zu meistern verstanden, wusste er genau. Seinen idealen Vorstellungen haben auch die vier Männerstimmen von «Chant 1450» entsprochen. Eindrücklich waren auch die rezitatorischen Teile der Messe gestaltet, die man in klassischen und romantischen Kompositionen der Totenmesse nicht zu hören bekommt. Hier begegnete man der ganzen liturgischen Gestalt der Totenmesse. Die ausserordentlichen Sänger bekamen starken Applaus und bedankten sich mit einem weiteren Stück.
Monica Zahner