Konzert Toward Silence in der Klosterkirche Paradies
Das Publikum sass am Sonntag erwartungsvoll in den Bänken der Klosterkirche Paradies und harrte nach einer kurzen Goodwill-Ansprache der Töne, die da kommen sollten. «Toward Silence» hatten sie es genannt, Paul Giger (Violine), dessen Name hier Omen ist, und Marie-Louise Dähler (Cembalo) hatten angekündigt, der Welt von Johann Sebastian Bach ihre eigene Tonsprache gegenüberzustellen. Diese Gegensätze sollten sich, so das Programmheft, in reiner Musik auflösen. Und das waren dann in der Tat gewaltige Antinomien, die sich dem Ohr darboten, denn es begann, weit im Hintergrund mit einem veritablen Gequietsche. Eigentlich darf man das so nicht sagen, sonst droht dem Unbotmässigen die Strafe aus dem Märchen von des «Kaisers neuen Kleidern», und schon gar nicht heute, wo alles erlaubt ist– aber es war in der Tat ein Gequietsche. Erst nach einer Weile entpuppten sich diese undefinierbaren Frequenzen als Flageoletttöne einer Geige, unter die sich zunehmend ein paar tiefe regulär angespielte Saitenklänge mischten, die sich zu kurzen melodischen Phrasen im Quintbereich, von Pausen unterbrochen, entwickelten. Doppelgriffe kamen hinzu, die Phrasen wurden länger, und Paul Giger schritt auf dem langen Mittelgang nach vorn, um dort seine bisher stumm am Cembalo sitzende Partnerin aufzusuchen, was diese dann veranlasste, ebenfalls einige Tastenklänge beizusteuern. Schrille Dissonanzen ergossen sich über das Publikum, überwiegend nicht tongebunden, sondern das ganze Frequenzspektrum überstreichend. Dann folgten ganze Obertonreihen in zahlreichen Flageolettgriffen, unterbrochen von überraschend reinen normalen Intervallen, und das ging eine Weile so weiter.
Doch hier waren beileibe keine Exoten auf dem Egotrip, sondern Musiker von hohen Graden, die dann überzeugend unter Beweis stellten, dass sie ihren Bach spielen konnten wie angekündigt. Bachs sechs Sonaten für obligates Cembalo und Violine entstanden in Köthen, wo er von 1717 bis 1723 als Leiter der Hofkapelle des Fürsten Leopold zu Anhalt-Köthen der weltlichen Instrumentalmusik zu widmen hatte. Daraus erklangen aus der Sonate in c-Moll der erste, und aus der Sonate in f-Moll der vierte Satz in engagiert lebhafter Interpretation, gefolgt vom ergreifend schönen Mittelsatz aus dem Italienischen Konzert. Chapeau, das war Musik, die sich wunderbar in die schöne Barockkirche einfügte und um Toleranz für den modernen Teil des Auftritts warb, der zum Schluss dann wieder das Geschehen bestimmte. Auch das Motto des Konzerts erfuhr schliesslich dann eine nachvollziehbare Performance in einer Pause, die dann zur ausgedehnte Stille mutierte und erst von einigen mutigen Klatschern beendet wurde.
Manfred Zürcher