Was am Sonntag in der Klosterkirche Paradies gegeben wurde, verlangte Bereitschaft, sich in einen anderen Kulturkreis einzuhören: Beginnen wir mit der Sheng, der chinesischen Mundorgel: Man nehme einen metallenen Topf, so gross wie ein Kinderkopf, fülle ihn mit heissem Wasser, setze seitlich ein spargelähnliches Mundstück an und baue in die Öffnung oben dicht an dicht eine Menge Pfeifen, maximal 50 cm hoch, in allen Längen und Dicken. Dann umfasse man den Topf so, dass die Finger die unteren Ansätze der Pfeifen erreichen können, und bediene wie bei einer Flöte Tasten und Löcher. Das heisse Wasser dient der Vermeidung von Kondenswasser in den Pfeifen, die ursprünglich aus Bambus waren, heute aber metallen sind. Vom Klang her besteht durchaus Verwandtschaft mit Harmonika und Handorgel, nur dass die hohen Register wesentlich obertonreicher sind. Wu Wei ist der Name des Virtuosen, der dieses wundersame Instrument mit einer verblüffenden Leichtigkeit und Eleganz spielt. Übergangslos wechselt er zur Erhu, der zweisaitigen chinesischen Geige mit überlangem Hals und topfförmigem Resonanzkörper, die er ebenso artistisch handhabt. Ein Lagenwechsel geht so: Man fasse dicht beim Steg zu, lasse in senkrechter Haltung los und schliesse die Hand wieder, wenn die neue Lage erreicht ist. Gut ist es, wenn man dabei nicht das Streichen mit dem Bogen vergisst.
Xu Fenfxia heisst seine Mitstreiterin. Sie ist eine Meisterin auf der 21-saitigen Guzheng, der chinesische Wölbbrettzither, deren Tonhöhe sie durch Eindrücken der stegfernen Saitenteile verändert, wodurch die typischen gezogenen ostasiatischen Klangeffekte entstehen. Dazu kommt noch die Ruan, die Mondgitarre, vergleichbar in Aussehen und Klang mit einem Banjo mit überlangem Hals. Dritter im Bunde ist Lucas Niggli, Percussion. Das resultierende Hörerlebnis ist schwer zu beschreiben. Pentatonik auf einer im Quintbereich dominierenden Mollskala, Polyrhythmik wechselnd mit geradem Takt, oft mit auftaktigem Quartsprung aufwärts, häufige Unisoni zwischen Gitarre oder Zither einerseits und Mundorgel oder Geige andrerseits. Dies alles in immer wieder neuen Konstellationen, verbunden auch mit Gesangseinlagen. Strenge Tradition und Improvisation lösen dabei einander ab, insgesamt gekennzeichnet von einer fantasievollen Variationsbreite.
Manfred Zürcher